BAD NEUSTADT

"Verschwunden in der Zeit"

Zur Eröffnung der Ausstellung „Verschwunden in der Zeit“ waren einige der Schüler aus Bílovec angereist, ...

Eine tiefe Bedeutung in der Beziehung zwischen Bad Neustadt und seiner tschechischen Partnerstadt Bílovec hat eine Ausstellung, die mit intensiver Spurensuche in Bílovec entstanden und jetzt vier Wochen lang im Rhön-Gymnasium zu sehen ist.

Schon der Titel „Verschwunden in der Zeit“ lässt ahnen, dass es sich um ein schwieriges Thema handelt: die Vertreibung. Wie Kulturreferentin Anne Zeisner bei der Ausstellungseröffnung berichtete, war ihr vor einigen Jahren bei einer Begegnung mit der gleichaltrigen früheren Bürgermeisterin Sylva Kovacikova bewusst geworden, dass Vertreibung damals in tschechischen Geschichtsbüchern nicht vorkam und ein absolutes Tabu war.

Ganz anders sei nun die junge, weltoffene Generation damit umgegangen. Sie habe den Mut gehabt, sich der Vergangenheit zu nähern. Das sei ganz wichtig für alle Beteiligten gewesen, betonte Projektleiterin Zuzana Brozova (noch keine 30). Endlich könnten die Dinge beim Namen genannt werden, endlich habe das Wort Vertreibung einen anderen Klang bekommen.

Konkreter Ausgangspunkt für das Projekt war die Digitalisierung der Wagstädter Heimatstuben im Hohntor gewesen, die Bemühungen, die Andenken der Vertriebenen aus Bílovec, dem ehemaligen Wagstadt, für die Nachwelt zu erhalten. Auf dem Weg über die vertieften Museums-Beziehungen beider Partnerstädte gab Anne Zeisner den Impuls, dass an den Schulen doch einmal untersucht werden könne, wie die 3.500 Deutschen, die es bis 1945 in Wagstadt gab, dort lebten, wie das Miteinander mit der tschechischen Bevölkerung war und wie es denjenigen erging, die nach der Vertreibung in Bad Neustadt ankamen.

In Bílovec wurde diese Idee sofort aufgegriffen, Schüler des Nikolaus-Kopernikus-Gymnasiums und der Komensky-Mittelschule erarbeiteten innerhalb eines Jahres eine Ausstellung, die in Bílovec schon gezeigt wurde und nach Bad Neustadt nun sogar eine gebürtige Wagstädterin aus Lohr anreisen ließ.

Das meiste erfahren und gelernt hat die junge Generation im Gespräch mit Zeitzeugen, die sich noch daran erinnern konnten, wer damals den Gemischtwarenladen oder die Fabrik betrieb, wie das Schloss aussah, wie sich das kulturelle Leben gestaltete. Für die tschechischen Kinder gab es zunächst eine tschechische staatliche Minderheitsschule, dann mussten sie aber auch die deutsche Schule besuchen. Die Ausstellungstafeln verraten weiterhin, dass einige wenige Deutsche in Bílovec bleiben durften.

Obwohl Bad Neustadt 1958 die Patenschaft für Bílovec übernahm, folgten Jahrzehnte ohne jeden offiziellen Kontakt, seit 2001 ist eine lebendige Partnerschaft gewachsen. Bisher fehlte die Entstehung der Wagstädter Heimatstuben im Bílovecer geschichtlichen Bewusstsein. Diese Lücke ist nun geschlossen, freute sich Zuzana Brozova, die in Deutsch- und Geschichtslehrer Vit Sustek (auch noch keine 30) einen engagierten Mitstreiter hat.

Bürgermeister Bruno Altrichter hob die über 70-jährige Verbundenheit von Bad Neustadt mit Wagstadt hervor und drückte die Hoffnung aus, dass in Bad Neustadt ein zweiter Blick auf die Menschen geworfen wird, die aus Wagstadt verschwanden. Wie schwierig es war, hier anzukommen, das gelte es ebenfalls zu beleuchten. In welcher Weise sich das Rhön-Gymnasium damit beschäftigen wird, ließ Schulleiterin Kerstin Vonderau derzeit noch offen.

Für die Öffentlichkeit bieten Anne Zeisner und Kunsthistorikerin Karen Schaelow-Weber (sie betreibt die Inventarisierung der Heimatstuben) am Mittwoch, 11. Oktober, um 14 Uhr eine Führung durch die Ausstellung „Verschwunden in der Zeit“ an. Weitere Termine können vereinbart werden unter (09778) 1274 oder per Mail an: schaelow-weber@t-online.de.