BAD NEUSTADT

Die Not wurde immer größer

Joseph Baumann aus Frankenheim bei Bischofsheim sandte dieses Foto Weihnachten 1917 nach Hause.

Ab 1917 herrschte in den Städten und in vielen Landstrichen der Hunger und der Mangel, von dem die landwirtschaftlich geprägten Dörfer zunächst noch weitgehend verschont blieben. Die ausreichende Versorgung der Bevölkerung gestaltete sich immer problematischer. Im Februar 1917 notierte Urban Albert aus Merkershausen, dass sich bei der jetzigen Kälte der Holz- und Kohlenmangel fühlbar mache. Petroleum gebe es schon seit Dezember 1916 keines mehr. Stearinkerzen wären keine zu haben. Auch fehle es an Carbid, so dass man Wachskerzen anbrennen müsse, um ein wenig Licht zu haben.

Der Winter 1916/17 war sehr streng. In Anbetracht der Not verfügten verschiedene Gemeinden, wie z.B. Merkershausen, dass jeder Haushalt aus dem Gemeindewald vier Ster Scheitholz und 60 Wellen Reisig erhielt, die er selbst schlagen musste.

Nachdem 1917 kein Leder für Schuhe zu bekommen war, wurden Sohlen aus Holz fabriziert und mit Lederfleckchen in der Größe eines Pfennigstücks belegt. Die Rothäuser Industrielehrerin Frieda Treubig musste in Königshofen einen Kurs zur Herstellung von Strohschuhen besuchen, damit sie die einheimischen Mädchen dazu anleiten konnte.

Und die Preise stiegen und stiegen. Schuhe, die früher 8 Mark kosteten, wurden nun mit 50 M bezahlt und waren fast nicht zu haben. Anzugstoffe, von denen einst der Meter 6 M kostete, kamen jetzt auf 40 bis 50 Mark und waren ebenfalls fast nicht mehr zu haben. Der Tabak ging ebenfalls zur Neige.

Dem Landwirt Andreas Vöth in Wülfershausen wurde 1917 die Berechtigung zum Ankauf von Flachs aller Art für sämtliche Gemeinden des Bezirks Königshofen erteilt, damit die Verarbeitung professioneller erfolgen konnte. Im April 1917 wurden die Landwirte in den Lokalzeitungen aufgefordert, den Flachsbau zu intensivieren. Dies stelle eine „vaterländische Pflicht“ dar. Es stand zu lesen: „Landwirte, baut Flachs! Ein stark vermehrter Flachsbau ist vor allem aus militärischen Gründen erforderlich. Jeder, der bisher schon Flachs gebaut hat, muß daher seine Anbaufläche vergrößern; wer den Flachsbau aufgegeben hat, nehme ihn wieder auf. Ausreichend Dünger wird z.V. gestellt.“

Und auch das zur Verfügung stehende Papier wurde nicht nur schlechter, sondern auch knapp. So musste die Neustädter Rhön- und Saalepost die Auslieferung ihrer illustrierten Wochenbeilage einstellen.

Nachdem keine Pferde mehr vorhanden waren, holten die Müller auch das Getreide bei den Bauern nicht mehr ab. So notierte die Familie Reichert in Herbstadt, dass sie bisher immer bei Müller Fleckenstein in Hollstadt mahlen ließ. Nachdem dieser nicht mehr kam, fuhren sie ihr Getreide zum Mahlen zur Haumühle bei Ipthausen. Nachdem diese infolge Trockenheit zu wenig Wasser hatte, mussten sie ihr Getreide schließlich nach Waltershausen zur Rittersmühle fahren.

Hin und wieder wurden den Bauern zur Erntezeit im Heeresdienst stehende Pferde ausgeliehen. Doch diese waren oft so ausgezehrt, dass sie bei der harten Feldarbeit eingingen, weshalb die Heeresleitung in den Amtsblättern vom 7.8.1917 bestimmte: „Bei Verendung eines seitens der Militär-Verwaltung zu landwirtschaftlichen usw. Arbeiten ausgeliehenen Pferdes ist die Haut durch den zuständigen Wasenmeister an die Fa. Oberdorfer in Bamberg abzuliefern.“

Alles, was die Natur hergab, wurde gesammelt – und jeder, der den Menschen etwas abspenstig machte, musste bekämpft werden, wie z.B. die Eichhörnchen. So ist unter dem 24.8.1917 im Königshöfer Amtsblatt, Betreff „Vertilgung der Eichhörnchen“, nachzulesen: „Für die Erlegung von Eichhörnchen werden bis zum 31.10. lfd. Jahres Abschussvergütungen in Höhe von 40 Pfennig für jedes Stück gewährt. Diese Vergütungen stehen auch Nichtjagdausübungsberechtigten zu, die in erlaubter Weise Eichhörnchen erlegen, wie dies z.B. in Hausgärten usw. geschehen kann.“

In diesem Zusammenhang überlieferte Dr. Karl Rügheimer, dass seine Mutter Veronika – sie war Köchin im Sternberger Schloss – den in der Schlossgärtnerei beschäftigen französischen Kriegsgefangenen einen festlichen Braten – ohne Verstoß gegen das Kriegswirtschaftsgesetz vorsetzte: Eichhörnchen, auf Hase frisiert mit Zwiebeln und Küchenkräutern. Ein klein bisschen Schweinespeck zum Spicken musste die deutsche Hausfrau opfern, das Wildbret erschien doch allzu mager. Die Eichhörnchen waren im Schlosspark geschossen worden. Es gab genug davon und der Wunsch der hungrigen Franzosen war nicht unbescheiden. Der Zimmerstutzen des Schlossgärtners und die Schrotpatronen waren dem „Erbfeind“ vertrauensvoll ausgehändigt worden.

Das einzige, was 1917 reichlich ausgefallen war, war wie eingangs bereits erwähnt das Obst. Deshalb wurde in Neustadt der Bevölkerung ein Dörrofen zur Verfügung gestellt. Gerade in der Zeit der Lebensmittelknappheit sollte es niemand versäumen durch Herstellung von Dörrobstprodukten seinen Wintervorrat zu ergänzen, hieß es.

Die Mangelernährung in den Städten hatte insbesondere für die Kinder negative Auswirkungen, und so wurden die Stadtkinder zur Erholung zunehmend in die Landgemeinden verschickt. In Merkershausen waren z.B. im Mai 1917 zehn Stadtkinder aus Würzburg, die in bäuerlichen Haushaltungen mitverpflegt wurden. Dass dies kein Einzelfall war, unterstreicht eine Aufforderung von September 1917 in den Amtsblättern, dass die Gemeinden eine Übersicht über die untergebrachten Stadtkinder dem jeweiligen Bezirksamt einzureichen hätten.

Aber auch Kinder auf dem Land waren mitunter dringend auf Hilfe angewiesen. So machten die Bezirksämter in Neustadt, Königshofen und Mellrichstadt Anfang 1917 die Städte und Gemeinden wiederholt darauf aufmerksam, dass auch in den Wintermonaten schwächliche oder kränkliche Kinder mit gutem Erfolg in der Kinderheilstätte Neustadt a.S. untergebracht werden können und dass das königliche Bezirksamt in geeigneten Fällen gerne Beihilfe dazu gewähre.

Der Schmuggel blühte

Die sich schnell erschwerenden Lebensumstände und die zunehmende Knappheit an Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Gebrauchs und Bedarfs in der Heimat waren selbstverständlich ein Anlass für Unzufriedenheit. Das Betteln und Hamstern von Tür zu Tür und der sich daraus entwickelnde Tauschhandel nahmen kein Ende. Einbrüche und Diebstähle häuften sich in den Dörfern. Diese Vorkommnisse legte man „hamsternden Thüringern“ zur Last.

Aus dem Grabfeld wird 1917 berichtet, dass seit vorigem Jahr die Thüringer kämen und Lebensmittel aus hiesiger Gegend schmuggelten. Insbesondere die Grenzorte würden heimgesucht. Da die Schmugglerinnen sehr hohe Preise bezahlen würden, gebe es noch immer Leute, die ihnen Waren verkauften, obwohl es verboten sei. Vielen wurden schon die Waren abgenommen, doch sie kämen immer wieder, denn die Strafen würden nicht abschrecken. So wurde eine Thüringerin vor dem Schöffengericht in Königshofen zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt, weil sie 30 Pfund Erbsen schmuggelte.

Ein Chronist schrieb nieder: „Das Traurige ist, dass von hiesigen Einwohnern der Schmuggel sehr begünstigt wird.“ Beredtes Zeugnis hierzu ist eine Meldung im Rhön- und Streuboten vom 1.3.1917, in der mitgeteilt wurde: „Königshofen. Schon seit längerer Zeit stand der Aufkäufer W. in Herbstadt im Verdacht des Schmuggels. Gestern gelang der Gendarmerie bei einer Haussuchung verheimlichte Vorräte an Lebensmitteln verschiedener Art ausfindig zu machen. Auch Fleisch aus einer offenbar nicht genehmigten Schlachtung fand sich vor. Die betreffenden Vorräte wurden beschlagnahmt. Damit ist wieder ein einheimisches Schmuggelnest ausgehoben.

Hoffentlich gelingt es der Rührigkeit der Gendarmerie, noch weitere Schmuggelnester aufzudecken und so allmählich dem lichtscheuen und ehrvergessenen Treiben dieser Menschen Einhalt zu tun.“

Entgegen den offiziellen Verlautbarungen und trotz Gewinnstrebens der örtlichen Bauern hatte man aber auch Mitleid mit den abgehärmten und verzweifelten Frauen aus dem Nachbarland, deren einziges Ziel es war, ihre Familie vor dem Verhungern zu bewahren. So empfand der Kleinbardorfer Lehrer Otto Mölter 1917 Mitleid, indem er schrieb: „Den armen Suhler Frauen ist schon mancher Butterballen durch die Gendarmerie abgenommen worden.“

Die Schwarzmarktpreise für Lebensmittel schossen sprunghaft in die Höhe. In der Oberelsbacher Dorfchronik von Franz Bungert ist über das Weltkriegsjahr 1917 überliefert: „Die Thüringerinnen suchten Lebensmittel und brachten gebrauchte Kleidung, Werkzeug, Glaswaren, Porzellan, Spielzeug, Schachteln, Griffel für die Schulkinder, besonders Christbaumschmuck. Manchmal kamen sie auch mit leeren Händen und waren darauf angewiesen einfach nur zu betteln. Die Polizei war angewiesen Hamstern und Betteln zu unterbinden.

Die Hamsterinnen fanden aber Hilfe, wenn die Polizei ihnen nachstellte. Wenn es auch hieß: 'Schließt die Türen ab, die Suhler kommen!' So wurden sie von den Frauen in den Rhöndörfern doch bei Eintreffen der Polizei gewarnt oder auch vor der Polizei versteckt.“

Zeitzeuge Dr. Karl Rügheimer hielt fest: „Abgehärmt und elend sahen die Frauen aus, die aus Thüringen herüberkamen, um Nahrungsmittel zu erbetteln. Sie mussten betteln, und sie fanden Verständnis bei uns. In Suhl wurden doch auch die Gewehre für unsere Väter fabriziert. Aber die bayerische Polizei sollte Lebensmittelkäufe unterbinden. Einmal, so erzählten die Landarbeiter vom Sternberger Gutshof, waren ein paar Thüringer Frauen auf dem Heimweg zur Grenze. Sie waren schon von weitem zu erkennen an den hellen und eckig geformten Huckelkörben. Bei uns war der Huckelkorb an der Hinterseite abgerundet, und das Weidengeflecht war dunkel. Die Frauen flohen vor der Polizeistreife quer über die Wiesen und fanden Hilfe bei den französischen Kriegsgefangenen, die bei Drainagearbeiten beschäftigt waren. Unter dem Stroh der Feldscheune im Wiesengrund wurden die deutschen Frauen von den Franzosen versteckt und kriegsmäßig getarnt. Vielleicht haben die Männer noch darüber nachgedacht, wer in Deutschland wessen Feind ist!!!“

Insbesondere in den Dörfern dies- und jenseits der bayerisch/thüringischen Landesgrenze gab es zahlreiche verwandtschaftliche Beziehungen. Wer da auf ungesetzliche Weise Nächstenliebe ausüben wollte, musste sein Paket heimlich in die thüringische Nachbargemeinde zum Postamt bringen. Man kannte ja Wege und Stege. Den Heimweg konnte man mit leerem Huckelkorb und erhobenem Haupt auf der bequemen Landstraße zurücklegen. Ratsam war es, für den Notfall eine gute Ausrede bereit zu halten.

In Königshofen wurde Mitte März 1917 der königliche Gendarmerie-Oberwachtmeister Gustav Müller in Ausübung seines Dienstes von einem Geisteskranken ermordet. Ende März erreichte die Gendarmerie-Station Obereßfeld ein anonymer Brief, der in Trappstadt abgestempelt war. Darin wird den Gendarmen angedroht, dass sie bei Fortsetzung ihrer Schmuggelkontrollen dasselbe Schicksal erfahren würden, wie der Gendarmerie-Oberwachtmeister Müller. Dieser Brief sorgte für Entsetzen im Bezirk und darüber hinaus und zeigt, dass der ungesetzliche Schwarzhandel auch von gewissenlosen Zeitgenossen aus unserer Heimat betrieben wurde, um sich zu bereichern.

Aus Mellrichstadt berichtete die Rhön- und Saalepost im Februar 1917: „Trotz eifrigster, von der hies. Gendarmerie betätigter Verfolgung des von Händlern und Privatpersonen aus Thüringen betriebenen Lebensmittelschmuggels und trotz der hierauf gesetzten hohen Strafen kommen doch noch äußerst zahlreiche Übertretungen des Ausfuhrverbotes vor. So wurde unter anderem kürzlich ein während der Nacht auf dem Landweg nach Meiningen befindliches Fuhrwerk mit 26 Zentnern Linsen, Erbsen, Mehl und Getreide beschlagnahmt. Eine andere Beschlagnahmung am hies. Bahnhofe ergab ca. 2 Zentner Ochsen-, Kalb-, Schweine- und Hirschfleisch; eine weitere eine solche von 23 Gänsen. Durch diesen Schmuggel werden die behördlichen Versorgungsmaßnahmen durchkreuzt, ja zum Teil unmöglich gemacht.“

Doch das Schmuggeln hatte nicht nur in Rhön und Grabfeld Hochkonjunktur, sondern z.B. auch im benachbarten Fulda. Dort gelang es der Polizei, am Bahnhof einige Lebensmittelwucherer dingfest zu machen. Diese waren gerade im Begriff, mit mehreren schweren Kisten nach Frankfurt zu fahren. Die Kisten enthielten vier Zentner Fleisch (Rind-, Kalb-, und Schweinefleisch, Würste, Speck) und Butter. Die Lebensmittel waren alle im Kreis Fulda und in der Rhön aufgekauft worden und sollten zu Wucherpreisen in Frankfurt abgesetzt werden.

Die Verhafteten stammten aus der Fuldaer Gegend und führten noch reichlich Geld für weitere Aufkäufe mit sich.

Im Stadtarchiv von Bad Königshofen wird dieser Aufnahme verwahrt, die die Notlandung eines Flugzeugs an der Aumühle ...