Waidmanns Dank

Die große Illusion
_

Voller Erwartung blicken die Bewohner der Heimat ins neue Jahr. Viele konservative Lösungsansätze erweisen sich immer deutlicher als Sackgassen. Systemwechsel stehen an. Denken Sie an die Landwirtschaft, die Energieerzeugung oder die Mobilität. Unser schönes Industriestädtchen braucht sich nicht zu verstecken. Wie weit wir wirklich sind, wird am Beispiel „E-Nessi“ deutlich. Ohne die geballte Kompetenz der Hochschuleinrichtung „TTZ“ und der örtlichen Automobilzulieferer wäre es nie möglich gewesen, den in China gebauten und in Holland zurechtgeschusterten E-Bus mit nur einjähriger Verspätung beinahe fahrtauglich zu kriegen.

Unsere Waidmänner sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Kurz vor Weihnachten dominierten im Polizeibericht – wie so oft – die Wildunfälle: Innerhalb von nur einer Woche kam im Landkreis ein Schaden von 22.000 Euro zusammen. Ganz klar: Unser dicht besiedeltes Industrieland verträgt keine unnatürlich hohe Wilddichte. Die Waidmänner sind bei der Bekämpfung überfordert. Sie brauchen Hilfe. Man fragt sich, wie es unsere Altvordern mit ihren rostigen Schießprügeln nur fertiggebracht haben, scheue Beutegreifer wie Bär, Wolf oder Luchs vollständig auszurotten.

Ob sie sich an Schonzeiten hielten? Ob sie „süße“ Wolfswelpen verschonten? Es drängt sich der Verdacht auf, dass bei „Raubzeug“ andere Maßstäbe gelten.

Mal Klartext: Wir sind auf dem Mond gelandet, haben Atome gespalten und das Internet geschaffen. Wenn wir wirklich wollten, ließe sich die Reh- und Wildsauplage schon in den Griff bekommen. Man könnte ja zum Beispiel dem Biogas-Maisanbau ein Weilchen die Subventionen streichen. Stattdessen spukt in den Köpfen vieler Jäger – und ihrer Lobbyisten – immer noch eine mittelalterliche „Waidgerechtigkeit“ herum, die das „edle Wild“ vermenschlicht.

Die Natur kennt keine Gerechtigkeit. Der Begriff wurde vom Mensch erfunden. „Profis“ wie Wolf oder Luchs setzen erbarmungslos an den schwächsten Punkten an: süße „Bambis“, trächtige Bachen, kranke und alte Tiere stehen ganz oben im Beuteschema. In harten Wintern gönnen echte Räuber ihrer Beute auch keine Ruhe. Ganz im Gegenteil. Allein ihre Anwesenheit versetzt die Gejagten in permanenten Stress. Nur so stellt sich ökologisches Gleichgewicht ein. Wir sollten unsere Doppelmoral überwinden. Warum nicht die trächtigen Bachen „wegblasen“? Macht der Kammerjäger bei Ratten einen Unterschied?

Anstatt „hungernden“ Viechern in milden Wintern zentnerweise Futter in den Wald zu karren, um sie „anzukirren“, sollte unser Mitgefühl den gequälten Kreaturen der regionalen Agro-Industrie gelten. Dem Hochleistungsschwein zum Beispiel, das genauso intelligent und sozial veranlagt ist wie sein wilder Urahn. Man gesteht ihm einen Lebensraum von 0,75 Quadratmeter zu. Es vegetiert sein ganzes kurzes Leben lang in einem Zustand permanenter Verzweiflung. Guten Appetit.

Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland ca. 260.000 Wildunfälle. Dabei werden etwa 600 Menschen schwer verletzt und 13 getötet. Tendenz: steigend. Selbst in Zeiten grassierender Tollwut forderte diese Krankheit bei uns nicht annähernd so viele Todesopfer. Bevor man Füchse wirksam impfen konnte, wurden sie übrigens mitsamt ihren süßen Welpen im „Heckbau“ getötet.

Jeder von uns kann seinen Teil beitragen, Natur und Mensch zu schützen. Unterstützen Sie unsere Waidmänner bei ihren „Hegemaßnahmen“; helfen Sie, ökologisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Joggen, radeln oder wandern Sie jetzt im Winter möglichst oft durch die Wälder und machen Sie dabei tüchtig Krach. Am besten mit einer Trillerpfeife. Nur so können milde Winter und ausgerottete Raubtiere kompensiert werden. Man muss sich das vorstellen.