Tabu

Die große Illusion
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Trotz eines geradezu erschreckend hoher Anteils an CSU-Wählern: Die Heimat kann heute durchaus als aufgeklärt gelten. Aber auch bei uns gibt es Tabus, über die man nicht spricht. Nehmen Sie die Flüchtlingskrise. Das im Grundgesetz verankerte Asylrecht (Art 16a) stellt eine tragende Säule unserer freiheitlich demokratischen Grunddingsbums dar. Jeder politisch Verfolgte, heißt es da pauschal, habe das Recht auf Asyl. Jeder.

Nun hat sich bekanntlich herausgestellt, dass wir in Wahrheit noch nicht einmal einen Bruchteil aller tatsächlich politisch Verfolgten dieser Erde aufnehmen können. Der Antidemokrat Viktor Orbán, der „Amigo“ unseres Alt-Landesvaters Horst S., hat die EU-Flüchtlingsquoten für gescheitert erklärt. Und hat er nicht Recht?

Auch unsere Regierung agiert mittlerweile pragmatisch. Sie tut alles, damit Flüchtlinge erst gar nicht ins Land kommen. Sie schließt Verträge mit Erdogan, fördert die „Stärkung“ der EU-Außengrenzen und unterstützt in Libyen diskret so genannte „Detension Center“. Dort herrschen nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen Mord und Totschlag. Aber auch Vergewaltigung und Sklaverei. All das wird in Kauf genommen, wenn man sich dadurch nur die Migranten-Massen vom Leib hält.

Was sollte man auch sonst tun? Selbst ausgesprochene Menschenfreunde haben auf diese Frage keine plausible Antwort. Dass sich die Bedingungen in den Herkunftsländern demnächst verbessern, glaubt kein Mensch mehr. Im Gegenteil. Jeder politisch Verfolgte hat bei uns de facto eben nicht mehr das Recht auf Asyl. Laut aussprechen darf man das freilich nicht. Sollen wir vielleicht den Artikel 16a abschaffen? Wie sähe das denn aus? Von wegen „christlich abendländische Grundwerte“. Dann lieber ein bisschen „so tun, als ob“. Mit Widersprüchen leben ist keine Schande!

Als ob es im Kleinen anders läuft. Auch dort stellt man bestimmte Fragen nicht. Was bringt es zum Beispiel für das Allgemeinwohl, wenn wir mit Steuermitteln „Dorferneuerung“ an der Peripherie fördern? Menschen, die sich dort ansiedeln, müssen ihr ganzes Berufsleben lang pendeln. Eine Familie, vier Autos. Will man das? In den randständigen Nestern fehlt alles: Geschäfte, Ärzte und Schulen. Wie viele Probleme wären gelöst, wenn Menschen – wie früher! – dort wohnten, wo sie arbeiten? Und sollte man nicht genau das fördern?

Ganz klar: Die Meisten arbeiten in unserem schönen Industriestädtchen, das offiziell ja als „Kleinstadt“ gilt. Jawohl! Denn erst ab 20.000 Einwohnern wird die „Klein“- zur „Mittelstadt“. Höchste Zeit, dass wir diese Marke reißen! Was wäre denn so schlimm daran, wenn meinetwegen die Hälfte der 79.000 Landkreisbewohner in „Neuscht“ leben würde? Im Gegensatz zur Fläche gibt es hier schon ein hervorragendes öffentliches Nahverkehrssystem: die NESSI. Und bei gutem Wetter fährt man mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wie modern! Man käme mit einem Bruchteil der SUV zurecht und könnte sein Geld für schönere Dinge ausgeben.

Das örtliche Vereinsleben ist bunt. Und erst das Kulturangebot! Da kann kein „Kaff“ konkurrieren. Die Landeier würden staunen! Denken Sie an die prämierte neue Stadthalle, die hochemotionalen Musical-Medleys, die Altenheime, die Shoppingwelten der Außenstadt! Nur Vorteile! Sicher, es gibt weder eigenständige Universität noch Hochschule, aber dafür jede Menge Campus: den Jopp-Campus, den Preh-Campus, den Klinik-Campus und den zentralen Leerstand-Campus. Überlassen wir das öde Umland doch der regionalen Agro-Industrie samt Wildsauplage und Verspargelung. Schluss mit der subventionierten Zersiedelung! Go NES! Die Zukunft gehört dem Oberzentrum. Man muss sich das vorstellen.