Handicaps

Die große Illusion
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Wir lieben unsere Heimat. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, jemals woanders zu leben. Aber wie sehen „Frömme“ (Zugezogene) unseren Landkreis? Einige „Handicaps“ lassen sich nicht verleugnen! Nehmen Sie beispielsweise das Wetter. Die Heimat gehört ganz klar zu den Verlierern des Klimawandels. Seit Oktober scheint die Sonne praktisch überhaupt nicht mehr. Jeden Tag die gleiche graue Pampe. Trostlosigkeit pur. Monat für Monat. Das schlägt aufs Gemüt! Besonders Frauen verfallen nicht selten dem Trübsinn. Viele lassen sich in Ihrer Verzweiflung von Apothekern allerlei Hokuspokus aufschwätzen: Johanniskraut-Kapseln und Paradiesapfelsaft. Und immer viel trinken!

Auf Menschen aus Süddeutschland muss es geradezu deprimierend wirken, wenn sie beim Telefonieren mit alten Freunden ständig zu hören bekommen: „Und bei uns scheint die Sonne!“ Auch der viel gerühmte Wintersport in der Rhön ist längst „Schnee von gestern“. Kaum liegt die weiße Pracht, verwandelt sie sich schon wieder in Matsch. Und wie macht sich unser „Leuchtturmprojekt, der „Sternenpark Rhön“? Am 3. Dezember konnte man auf dem Kreuzberg laut Aussage einiger angedüdelter Klosterbesucher den Vollmond beobachten. Volle drei Minuten lang.

Was soll man den „Frömmen“ raten? Eine Möglichkeit dem „Winterblues“ zu entgehen besteht schlicht darin, die Flucht zu ergreifen. Einfach für zwei Wochen wegfliegen. Weit, weit weg. Man fühlt sich hinterher wie neu geboren! Aber nicht jeder kann sich das leisten. Hier ist der Landkreis gefordert, der Familien mit Kindern durch eine unbürokratische „Fluchthilfe“ einen Platz an der Sonne sichern sollte. „Frömme“ können sich natürlich auch an den Ureinwohnern orientieren: Genau wie Russen oder Schweden greifen die im Winter traditionell zum Alkohol. So schlecht kann das Wetter gar nicht sein, dass man es sich nicht „schön saufen“ könnte!

Mal Klartext: An der ganz besonders finsteren Peripherie ist am Nachmittag doch keiner mehr nüchtern. Nicht umsonst lautet der Werbeslogan für regionale Brau-Erzeugnisse „Wir sind Rhöner Bier“. Wir alle! Einfach immer nur viel trinken. Auch hier könnte der Landkreis dazu beitragen, das Elend zu lindern: Ein monatlicher Kasten „Freibier“ für Alleinstehende oder Beschäftigte im Niedriglohnsektor würde die Stimmung erheblich aufhellen.

Immerhin sind wir ja eine „Gesundheitsregion“. Und was für eine! Bei einer Studie kam jetzt heraus, dass die Lebenserwartung in München um Jahre höher liegt als bei uns. Und das, obwohl es in unserem schönen Industriestädtchen doch die besten Kliniken der Welt gibt. Wer zu uns zieht, lebt gefährlich! Woran mag das liegen? An der Luft sicher nicht. Die Feinstaubbelastung von München wird selbst im Brennholzqualm der Walddörfer nicht erreicht. Liegt es vielleicht an unserem qualitativ hochwertigen Trinkwasser? Natürlich! Von wegen „viel trinken“!

Die Agro-Industrie ist bekannt für ihren verantwortungsbewussten Düngereinsatz. Sie kann deshalb auch nichts zur Verbesserung beitragen. Um die Bürger zu schützen, wurden stattdessen die Nitrat-Grenzwerte angepasst. Trotzdem: Wäre es nicht eine schöne Geste, wenn man Zuwanderer kostenlos mit Mineralwasser versorgen würde, das nicht aus der Region stammt? Zugegeben, der Ausgleich von Standortnachteilen verursacht Kosten. Aber als „Schrumpflandkreis“ sind wir nun Mal auf den Zuzug von Arbeitskräften angewiesen.

Billige Mieten alleine reichen heute nicht mehr! Warum greifen wir nicht einfach in die Mottenkiste der Geschichte und reaktivieren ein Instrument, das sich bei uns jahrzehntelang glänzend bewährt hat: die gute alte „Zonenrandförderung“? Man muss sich das vorstellen.