MÜNNERSTADT / BAD KISSINGEN

Pool-Schlitzer vor Gericht

Ein glatter Schnitt, manchmal zwei. Er kam im Sommer und meistens nachts. Leise schlich er sich in den Garten hinters Haus oder durch die Kleingartensiedlungen, rammte sein Messer in die Plastikplanschbecken und verschwand so heimlich wie er gekommen war. Immer wieder. Beinahe 50 Fälle wurden angezeigt. Bekannt als „Pool-Schlitzer“ hielt er die Polizei und die Bevölkerung auf Trab – über Jahre. 2016 setzten die Beamten einen Tatverdächtigen fest. Jetzt geht der Fall vor Gericht. Nächste Woche soll der Prozess um den sogenannten Pool-Schlitzer beginnen.

Der Mann hatte es auf aufblasbare Pools abgesehen. Seit 2009 wütete der unheimliche Fremde in Wohngebieten, Kleingärten und in der Innenstadt. Bei der Polizei gingen Anzeigen aus Nüdlingen, Oerlenbach, dem Kissinger Umkreis, und auch aus den Landkreisen Rhön-Grabfeld, Schweinfurt und Haßberge ein – 47 insgesamt. Meist fanden die Attacken in und um Münnerstadt statt.

Gleiches Muster: Serientäter

Kinderplanschbecken, aufblasbare Swimming-Pools – diesem Unbekannten waren die prallen Plastikschläuche, die Kindern und Erwachsenen den Badespaß sicherten, wohl ein Graus. Das Muster war immer gleich, so dass die Polizei hinter den Vorfällen einen Serientäter vermutete. Lange war den Beamten der unbekannte Pool-Schlitzer ein Rätsel. Viele, die in ihrem Garten einen Pool installiert hatten, um sich zu erfrischen, waren beunruhigt. Eltern, die ihren Kindern im Sommer einen Platz zum Planschen und Abkühlen bieten wollten, waren verunsichert. Die Konsequenzen: Gärten wurden abgesichert, Zäune aufgerüstet, der Nachwuchs nach drinnen verwiesen. Es sprach sich schnell herum, wenn der Polizei eine weitere Attacke gemeldet wurde. Die mediale Aufmerksamkeit um den unbekannten Täter, der nachts auf fremden Grundstücken umherschlich und mit einem Taschenmesser oder Teppichmesser sinnlos auf Plastik-Swimming-Pools einstach, war groß. Man munkelte bereits über Nachahmer. Hatten sich Trittbrettfahrer den Pool-Schlitzer und seine Angriffe zum Vorbild genommen?

Im Herbst 2016 nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Der damals 27-Jährige gab einige der Straftaten zu, die ihm zur Last gelegt wurden. Als die Polizeibeamten zur Hausdurchsuchung anrückten, fanden sie mehrere Luftmatratzen, die damals von den Tatorten verschwanden. Gut zwei Dutzend der angezeigten Fälle soll er bei den Vernehmungen im Herbst 2016 gestanden haben. Der Mann war kein Unbekannter für die Polizei. Nächste Woche wird er nicht zum ersten Mal auf der Anklagebank im Gerichtssaal Platz nehmen.

Brände gelegt

Die Vandalismus-Serie pausierte genau in dem Zeitraum, als der Angeklagte ein anderes Delikt zu verbüßen hatte. Wegen Brandstiftung war er im Juni 2014 in Bad Kissingen vom Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monate ohne Bewährung verurteilt worden, wie die Main-Post berichtete. Er hat damals in Stadtlauringen einen Heuballen entzündet, neun weitere fingen Feuer. Außerdem zündelte er in Rannungen und Elfershausen. Im Urteil über den jungen Mann, der bei der Freiwilligen Feuerwehr war, hieß es damals laut Main-Post, er sei „Pyromane, von geringer Intelligenz, Außenseiter und (habe) außerhalb der Brandstiftung nur wenig persönliche Bestätigung gefunden“.

Am nächsten Dienstag wird ihm erneut der Prozess gemacht. Diesmal lautet die Anklage auf Sachbeschädigung in 17 Fällen. Und der Rest?

Was zwischen Sommer 2009 und Sommer 2011 begangen worden war, ist bereits verjährt. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Von der Verfolgung der übrigen Attacken hat die Staatsanwaltschaft abgesehen – die Begründung: sie fallen nicht erheblich ins Gewicht. Bleiben 17 Fälle, die im Zeitraum von Juni 2015 bis August 2016 liegen. Der heute 29-Jährige soll nicht nur aufgestellte Pools zerschnitten haben, sondern auch so manches mitgehen lassen haben: Luftmatratzen, Schwimmflügel, Schwimmreifen und Plansch-Spielzeug. Der Schaden: wenige bis ein paar Hundert Euro. Teurer kam es in einem der Fälle, wo die Zerstörung eines Pools für einen Wasserschaden sorgte – 10 000 Liter Wasser rauschten in der Nacht aus dem Swimming-Pool in den Keller des Nachbarn.

Verhandlung verzögerte sich

Nachdem die Zuständigkeiten am Gericht wechselten und ein Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit erst beim zweiten Anlauf ausgestellt werden konnte, hat das Kissinger Amtsgericht jetzt den Termin zur Verhandlung des Verfahrens festgelegt: Am Dienstag, 27. November, steht der Angeklagte im Pool-Schlitzer-Prozess vor Gericht.