Bad Königshofen

Bereitet der Schulunterricht aufs wirkliche Leben vor?

Wofür gebe ich mein Geld aus, wie teile ich es richtig ein? Die Jugendlichen (von links) Nico Rink, Yule Bischof und ...

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" war ein gängiger Spruch in den vorangegangenen Generationen. In den letzten Jahren werden die Klagen immer lauter, dass Jugendliche und junge Erwachsene zwar Gleichungen mit zwei Unbekannten lösen können, aber ihnen die Alltagskompetenz völlig fehlt, wenn sie auf eigenen Beinen stehen müssen. Viele Themenbereiche könnten in das neue Unterrichtsfach "Alltagskompetenz und Lebensökonomie" einfließen, dessen Einführung Ministerpräsident Markus Söder für alle Schularten bis zur 10. Klasse angekündigt hat.

Die Forderung nach mehr Vermittlung von Alltagswissen war ein Teil des Volksbegehrens "Artenvielfalt-rettet die Bienen", dabei wurde vor allem an das Wissen über Natur und Landwirtschaft, Klimaschutz und Praktisches für den Alltag gedacht. Das, was Bayerns Kultusminister Michael Piazolo eine "Willensbekundung" Söders nennt, hat bislang noch keine konkreten Formen angenommen. Ergebnisse will Piazolo allerdings noch vor der Sommerpause präsentieren. Soll ein eigenes Fach eingerichtet werden, sollen die Inhalte auf mehrere Pflichtfächer verteilt werden oder ein Wahlfach in den höheren Klassen eingerichtet werden? Wird ein anderes Fach dafür eingeschränkt? Die Ausgestaltung ist noch völlig unklar.

Forderung nach mehr Praxisnähe

Mehr Praxisnähe fordern seit Jahren der Landesschülerrat der Gymnasiasten, aber auch die Landfrauen im BBV. Landesbäuerin Anneliese Göller freut sich, dass sich die bayerische Staatsregierung nun dafür entschieden hat. "Mit unserer Unterschriftenaktion hatten wir bereits 2013 gezeigt, dass der Bedarf riesig ist. 94 000 Menschen haben unser Anliegen mit ihrer Unterschrift unterstützt."

Soziale Aspekte des Zusammenlebens könnten zu den Inhalten des Fachs "Alltags- und Lebensökonomie" ...

Sabine Lauterbach, Sprecherin des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, teilte auf Anfrage mit: "Wir wollen das Thema Alltagskompetenzen an Schulen noch weiter stärken. Einzelheiten sind aktuell noch in der Planungs- und Konzeptionsphase." Sie weist aber auf verschiedene Inhalte hin, die innerhalb der Lehrpläne in Fächern wie "Arbeit-Wirtschaft-Technik" (Mittelschule), Sozialkunde und "Wirtschaft und Recht" (Realschule und Gymnasium) auch bisher schon aufgegriffen werden. Auch die Leiterin der Bad Königshöfer Grundschule, Inga Palma, verweist auf den Heimat- und Sachkundeunterricht ab der zweiten Klasse, der unter anderem Themen wie gesunde Ernährung aufgreift.  

Gesundheit, Ernährung, Haushaltsführung

Landrat Thomas Habermann als rechtlicher Leiter des Schulamts würde es begrüßen und für sinnvoll halten, wenn dem Themenbereich "Alltagskompetenz und Lebensökonomie" die erforderliche Bedeutung durch die Einführung als neues Unterrichtsfach beigemessen würde. "Sicherlich sollten die Elternhäuser nicht von ihrer Erziehungsaufgabe entbunden werden, auch wichtige Alltagskompetenzen zu vermitteln, aber einen Stundenansatz von ca. zwei Wochenstunden halte ich pro Jahrgangstufe für durchaus angemessen. Die Inhalte eines solchen Unterrichtsfaches sollten sich wie im Lehrplan PLUS vorgesehen mit Themenbereichen wie Gesundheit, Ernährung, Haushaltsführung selbstbestimmtem Verbraucherverhalten und Umweltverhalten auseinandersetzen. Jeder Schüler, der die zehnte Klasse verlässt, sollte wissen, wie man eine Banküberweisung tätigt oder wie man sich gesund und vernünftig ernährt," so sein Kommentar.

Mittelschulen sind praxisorientiert

Günter Bischof, Vorsitzender des Elternbeirats in der Mittelschule und stellvertretender Vorsitzender in der Realschule, hält besonders den Lehrplan des Gymnasiums für ergänzungsbedürftig. "Nach meiner Erfahrung ist die Mittelschule am meisten praxisorientiert. Durch viele Praktika haben die Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit einen guten Einblick in die Arbeitswelt. Wichtig ist nicht nur davon zu hören, sondern die Wirklichkeit zu erleben und zu fühlen." Er befürchtet bei einer eventuellen Einführung eines neuen Fachs, dass die Lehrer selbst nicht auf dem Laufenden sind, was die Arbeitswelt betrifft. Sie sollten entsprechend weitergebildet werden.  

Der Leiter des Gymnasiums Bad Königshofen, Wolfgang Klose, bestätigt, dass Themen aus dem Bereich "Alltags- und Lebensökonomie" bisher je nach Bedarf und Interessenlage der Schüler sowie nach Einpassung in den Lehrplanzusammenhang in verschiedenen Fächern von den Lehrkräften thematisiert und entsprechend integriert wurden. Die bemängelte "fehlende Alltagskompetenz" sei in den allermeisten Fällen vom Elternhaus mit gutem Gelingen vermittelt worden, das sei auch die Meinung des Elternbeirats.