Bad Neustadt

Dr. Umes: "Ich bin Herzchirurg!"

Am Donnerstag, 9. Mai, bekam Umeswaran Arunagirinathan den Titel "Herzchirurg" von der Bayerischen Ärztekammer in ...

"Das war eine Odyssee!" Erleichterung, Freude und Euphorie sind Umeswaran Arunagirinathan, seit 2015 Assistenzarzt am Bad Neustädter Rhön-Klinikum, noch Tage nach seiner bestandenen Facharztprüfung anzuhören. Am Donnerstag, 9. Mai, erhielt Dr. Umes - so nennen ihn seine Kollegen und Patienten, weil sein srilankischer Name für viele deutsche Zungen unaussprechbar ist - von der Bayerischen Ärztekammer in München den Titel Herzchirurg.

"Elf Jahre habe ich dafür durchgeblockert", erzählt der 40-Jährige. Direkt vor der Prüfung habe er fünf Nachtschichten gearbeitet, am Tag nach der Verleihung und einer Stunde Schlaf war er wieder im Dienst. Doch der Erfolg beflügelt ihn: "Jetzt bin ich so ein Bündel an Energie, ich weiß gar nicht, was ich zuerst anpacken soll."

Ein beeindruckendes Aufstiegsmärchen

Aktuell ist der frisch gebackene Herzchirurg  auf Lesereise in Nordrhein Westfalen. Gerade erst präsentierte er 140 Schülern seine beiden autobiographischen Bücher "Allein auf der Flucht" (2006) und "Der fremde Deutsche" (2017), da telefoniert er bereits wieder mit dieser Redaktion.

Seine beiden Werke sind keine Traktate über Integration, sie erzählen Umes' Geschichte , der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Hamburg floh und seither den deutschen Traum lebt. Seine Bücher erzählen das beeindruckende Aufstiegsmärchen von einem Flüchtlingsjungen, der Abitur macht, Medizin studiert und auf dem besten Weg ist renommierter Herzchirurg zu werden.

Umes, der Brückenbauer

Es ist übrigens jene Geschichte, die "der Brückenbauer Umes" auch schon im Juni 2018 den damaligen Protagonisten des Asyl-Streits, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer, eindrucksvoll anlässlich der Gedenkstunde der Bundesregierung zum Weltflüchtlingstag als Gastredner schilderte.

"Man kann es packen, man kann es schaffen, auch wenn man auf dem Weg 1000-mal stolpert", das ist die Botschaft, die Umes auch den jungen Schülern an diesem Tag in Nordrhein Westfalen mit auf den Weg gibt. "Die Anstrengung und der Kampf lohnen sich, man darf nur nie sein Ziel aus den Augen verlieren."

Der Umweg Bad Neustadt

Umes, so hatte ihn schon seine Mutter in Sri Lanka genannt. Damals, als er noch so klein war, dass ihn sein Vater auf den Schultern durch die Reisfelder trug. In einem Alter, in dem er glaubte, das Schrecklichste, was ihm im Leben begegnen könnte, sei ein wilder Elefant. Vor dem, so lehrten ihn die Eltern, müsse man stets im Zickzackkurs fliehen. Seither weiß der tamilische Junge: Der direkte Weg ist nicht immer der beste. Aber: Bei allen Umwegen darf man nie sein Ziel aus den Augen verlieren.

Ein solcher Umweg in seiner Biographie führte ihn letztlich nach Bad Neustadt. Weil er in Sachen Facharzt in Hamburg nicht voran kam, wechselte Umes 2015 ans Rhön-Klinikum. Was in sechs Jahren Hamburg nicht annähernd greifbar wurde, errang er in vier Jahren Bad Neustadt: den Facharzt-Titel. Vor Ort habe er von Anfang an mit offenen Karten gespielt: "Ich bin schwarz, schwul und aus Hamburg", habe er im Vorstellungsgespräch gesagt. Von Bad Neustadt wünsche er sich die Facharztausbildung an einer "renommierten Klinik", anschließend aber ziehe es ihn als politisch und kulturell Interessierten sicher wieder in die Großstadt.

Wie Rhön-Grabfeld Umes veränderte

Tatsächlich nimmt Umes nun sein Ursprungsziel wieder in den Blick: Läuft alles glatt, arbeitet er ab August an der Berliner Charité, die Job-Verhandlungen laufen jedenfalls. Ein Angebot aus seiner Heimat Hamburg sei bislang ausgeblieben, bedauert er ein wenig. Doch Berlin sei ein mehr als adäquater Ersatz. Sicher ist für Umes: Seine Zukunft liegt nicht in der Rhön-Grabfelder Provinz. Gekündigt habe er bereits. Voraussichtlich Ende Juli verliert die Stadt mit Herz einen Herzchirurgen.

Doch sein Aufenthalt in Bad Neustadt habe ihn verändert: "Ich bin als Fremder gekommen und gehe als Freund der Region", stellt er klar. Vor allem Vermieter und Nachbarn werde er vermissen. "Die Region hat mich vorangebracht." Nicht nur, dass sein Traum Herzchirurg zu werden, in Rhön-Grabfeld in Erfüllung ging. Er habe vor Ort den Führerschein gemacht, den Notarzt und sein zweites Buch geschrieben.

Drittes Buch in Arbeit: "Der verlorene Patient"

Bevor er Rhön-Grabfeld verlässt, möchte er noch eine weitere Mission vollenden: sein drittes Buch. "Der verlorene Patient", laute der Arbeitstitel. Diesmal geht es nicht um Flucht oder  Integration. Umes, der inzwischen sechs Jahre in der Pflege und elf Jahre als Arzt gearbeitet hat, wolle vielmehr über die wirtschaftlichen Einflüsse auf das ärztliche Handeln schreiben. Seine Position: Ökonomie dürfe und solle immer Ratgeber sein. "Das ärztliche Handeln allerdings darf nicht ökonomisch werden. Sonst verliert der Patient."

Schreiben wolle er außerdem über die Themen "Zwei-Klassen-Medizin", über die medizinische Ausbildung, die oft der Willkür von Vorgesetzten unterliege und so mitunter zur Benachteiligung von Frauen führe. Ein weiteres Kapitel wolle er der Alternativmedizin und Naturheilkunde widmen, der gegenüber er durchaus aufgeschlossen sei. "Alles in allem wird es ein politisches Buch, das alle Bürger angeht", verspricht er.