Mühlbach

Brennpunkt Mühlbach: Der freie Markt mag solche Mieter nicht

Zwei Wohneinheiten gibt es für Obdachlose in der Saalestraße in Bad Neustadt.

Der Heuweg 41 und die Waldsiedlung 4 sind Immobilien im Stadtteil Mühlbach, deren Mieter stark in der Kritik stehen. Die Unterschriftengemeinschaft Mühlbach/Neuhaus hat 180 Unterschriften gesammelt, mit denen sie Stadt und Landkreis auffordern, aktiv zu werden. Sprecher der Unterschriftengemeinschaft bezeichnen manche dieser Mieter als Menschen mit schweren Störungen und Defiziten im sozialen Verhalten, Obdachlose und Suchtkranke.

Feiern bis die Polizei kommt oder Streiten bis der Notarzt kommt - solche Erfahrungen wollen die Unterzeichner sich selbst und ihren Kindern ersparen. "Die alltäglichen negativen Auswirkungen sind vor allem für die Kinder und Jugendlichen erlebbar, die im unmittelbaren Umfeld aufwachsen. Sie erlernen ungewollt Vulgär-Sprache, sind lautstarkem Gegröle und aggressiven Streitigkeiten ausgesetzt. Sie werden angemacht und belästigt."  Die Unterzeichner wollen den Trend zu solchen problematischen Wohneinheiten in ihren Stadtteilen gebremst und die Menschen ordentlich betreut sehen.

"Es gibt keine Lösung, die allen gerecht wird." Claus Vogel ist Berufsbetreuer. Er hat und hatte Klienten, die im Heuweg 41 und in der Waldsiedlung 4 in Mühlbach wohnen. Er kennt die Situation vor Ort. Und er kann verstehen, dass die Nachbarschaft die Bewohner dieser beiden Immobilien als äußerst problematisch bezeichnet. Denn das sind sie seiner Erfahrung nach auch. 

Ein Rechts- und Sozialstaat muss das aushalten
Berufsbetreuer Claus Vogel

Aber: Bei aller berechtigten Kritik am asozialen Verhalten mancher Bewohner steht für Vogel auch fest: "Ein Recht- und Sozialstaat muss das aushalten."  Die Menschen, die er und seine Kollegen im Heuweg und in der Waldsiedlung betreuen, haben das Recht auf eine Unterkunft und auf Freizügigkeit. Und sie haben das Recht ihr Leben so zu gestalten, wie sie das für richtig halten - auch wenn alle anderen außen herum anderer Meinung sind. 

Eine Betreuung dieser Mieter beispielsweise durch Sozialarbeiter hält Vogel für einen interessanten Ansatz, der aber nur dann erfolgreich sein kann, wenn der Betreute das Angebot  auch annimmt.  Vogel und seine Kollegen haben das in Einzelfällen ausprobiert und sind gescheitert, berichtet er in einem Gespräch mit dieser Redaktion.

Als Betreuer ist es auch seine Aufgabe, seine Klienten zu besuchen, ihre Lebensumstände in Augenschein zu nehmen und Untersützung anzubieten. Sozialarbeit kann hilfreich sein, wenn Klienten versuchen, Struktur in ihren Tagesablauf zu bringen und wenn sie ihr Leben ändern wollen. Das sei allerdings selten der Fall. Diese Menschen, so Vogels Erfahrung, scheitern oft am Willen, an der Einsicht, dass sie ein Alkohol- oder Drogenproblem haben, und oft auch am eigenen Intellekt. In solchen Fällen greift der sozialpädagogische Ansatz nicht. "Wenn die Leute das Angebot nicht annehmen, ist es umsonst. Wir sind immer auf Kooperation angewiesen, denn gegen den Willen des Betreuten geht nichts".

Auf dem freien Markt ist unsere Klientel nicht unterzubringen
Claus Vogel

Einer von Vogels Klienten ist ein junger Mann, der zusammen mit seiner Freundin in den vergangenen Monaten dazu beigetragen hat, die Situation im Bereich Waldsiedlung/Heuweg öfters mal eskalieren zu lassen. Von diesen beiden Mietern hat sich Vermieter Kurt Wetzel nun per Aufhebungsvertrag und die Rücknahme einer Befristungsverlängerung getrennt.  Damit könnte vorübergehend etwas Ruhe in Mühlbach einkehren. Gelöst ist das Problem nicht. Vogel muss nun ein Obdach für den gefeuerten Betreuten suchen. Das wird schwer, denn, wer bei Wetzel rausfliegt, bekommt in Bad Neustadt keine Wohnung mehr.  "Die Stadt Bad Neustadt", sagt er, "tut sich ausgesprochen schwer im Umgang mit Obdachlosigkeit und bietet keine richtige Lösung an. Unterstützung erfährt man als Betreuer von der Stadt diesbezüglich jedenfalls nicht. Ich denke es gäbe Möglichkeiten, wenn man denn wollte. Andere Gemeinden können es auch, obwohl sich keine Gemeinde über solche Fälle freut."

"Auf dem freien Wohnungsmarkt ist unsere Klientel nicht unterzubringen, da müssen spezielle Wohnungen her", ist Vogels Erfahrung. Vermieter Kurt Wetzel befriedige mit seinem Geschäftsmodell diese Nachfrage.  Denn die Stadt Bad Neustadt biete keine Wohnungen für Menschen am Rande der Gesellschaft an, abgesehen von zwei Wohncontainern in der Saalestraße.   Würden die beiden problematischen Immobilien geschlossen, müssten die jetzigen Mieter auf der Straße leben. Damit wäre auch keinem gedient, so Vogel. 

Man müsse kein Fan dieses geschäftstüchtigen Vermieters sein, aber man müsse doch anerkennen, dass Wetzel diese Immobilien an Menschen vermietet, die sonst keiner beherbergen mag. Denn dies seien Mieter, die die Zimmer nicht wohnlich einrichten, sondern sie abwohnen und verwahrlosen lassen, gibt der Berufsbetreuer zu bedenken. Deshalb hält er es auch für keine gute Idee, diese problematische Klientel in Wohnungen über das komplette Stadtgebiet zu verteilen. "Dann hätten wir einfach mehr Brennpunkte". 

  • So sehen die Anwohner die Problematik: Eine Idylle mit Rissen
  • Was sagt der Vermieter? Er hält die Kritik für überzogen
  • Die Stadt und der Landkreis sind gefragt: Ein runder Tisch soll es richten