Sündenböcke (2)

Schon von alters her genießen Waidmänner in der Heimat höchstes Ansehen. Das feierliche "Gebläse", die flotten Hütchen - kein Wunder, dass in unserer digitalisierten Welt gerade Menschen jenseits der 50 nach einem öden Arbeitstag am Computer Zuflucht im Archaischen suchen. Jagd ist mehr als Hobby! Waidmänner sind Idealisten. Gewinn machen sie mit dem erschossenen Viehzeug schon lange nicht mehr. Aber es geht ja auch gar nicht ums Geld. Auch nicht um Naturschutz. Nein, es geht um Spaß. Den Spaß am Totschießen. Auch die satte Hauskatze lässt das Mausen nicht!

Allerdings müssen Jäger immer öfter als Sündenböcke herhalten. Wildsauplage, Verbiss, Überbesatz -  an allem sollen sie Schuld sein. Sicher, in manchen Wochen übersteigt rund um unser schönes Industriestädtchen die Schadensbilanz bei den Wildunfällen mittlerweile die 40 000 Euro-Marke. Na und? Schuld an der ganzen Gaudi ist doch nicht ein zu hoher Besatz an Tieren, sondern an Menschen! Behaupten die Jäger. Denn gäbe es beispielsweise nicht so viele Autofahrerinnen, würde es ja auch nicht so oft "krachen". Logisch!

Vor diesem Hintergrund drängt sich nach tragischen Jagdunfällen ein fast abgründiger Verdacht auf: Lag es am Ende gar nicht an der zusehends vergrauenden Waidmannschaft? Wurde hier - wenn auch nur unbewusst - der "Besatz" reguliert? Für den Verbiss sind ohnehin nur Pilzsammler und Biker verantwortlich. Aber hallo! Diese Störenfriede zwingen das scheue Rehwild doch geradezu, Bäumchen anzufressen. Bei der traditionellen "Grenzbegehung", den die Jagdgenossen alljährlich zusammen mit dem CSU-Ortsverband in Schönau veranstalten, wurden diese unbequemen Tatsachen schonungslos offengelegt. Erfreut zeigte man sich indessen darüber, dass sich den Hobby-Jägern gewissermaßen ein "Profi" an die Seite gesellt hat: Am Schweineberg bei Schönau sei kürzlich ein süßes Hirschkälbchen von einem Wolf gerissen worden, wie DNA-Spuren eindeutig bewiesen. Gut so! Es wird keine Setzlinge mehr anknabbern!

Die "Grenzbegehung" wirft ein bezeichnendes Licht auf die Nähe von Jagd und Partei. Ob Franz Josef Strauß, Markus Söder oder unser Landrat: allesamt Jäger! Sogar "Digi-Doro" hat ihre Jagdprüfung bestanden und es umgehend in die Welt hinausposaunt, beziehungsweise -getwittert. Respekt! Granden aller Couleur drängt es förmlich auf die Pirsch. Auch Jagdgenosse Erich Honecker war ein begeisterter Waidmann! Vielleicht sollten in Thüringen die "Roten" und die "Schwarzen" zwischen den Sondierungsgesprächen einfach nur ein bisschen herumballern. Jagd verbindet!

Natürlich haben unsere "Nimrode" völlig Recht, wenn sie behaupten, trotz stundenlangen Ansitzens der Wildplage nicht mehr Herr zu werden. Im Rahmen der geltenden Jagdgesetze, die zum Teil noch aus einer Zeit stammen, in der Hermann Göring "Reichsjägermeister" war, ist dies schlicht unmöglich. Und Reformen werden von der CDU/CSU-nahen Loden-Lobby bekanntlich seit Jahrzehnten blockiert. Wegen der "Waidgerechtigkeit"! Da helfen auch die immer gleichen, folgenlosen Gespräche zwischen Jägern und Förstern nichts, in den man sich gebetsmühlenhaft versichert, die Probleme nur "gemeinsam" lösen zu können.

Also zeigen wir wieder ein Herz für Jäger! Lassen wir sie weiterhin mit ihren klimafreundlichen SUV vor "harten Wintern" tonnenweise Futter in den Wald karren, das als "Alternativäsung" die jungen Bäume schützen soll. Zugegeben: Es passt irgendwie nicht mehr in die Zeit, Jogger aufzufordern, das "edle Wild" im Winter nicht zu "verschrecken", damit es seine "Kräfte schont". Aber mal ehrlich: Wer, außer unseren Jägern, kommt sonst auf so schräge Ideen? Man muss sich das vorstellen!