Bad Neustadt

Advent 6.0

Schon seit einigen Jahren ist in der Heimat – und nicht nur dort! - ein Phänomen zu beobachten, das in Fachkreisen als "Advents-Dilatation" bezeichnet wird. Für alle, die es nicht wissen. "Dilatation" bedeutet "Erweiterung". Was versteht man unter "Advents-Dilatation"? Bekanntlich fällt der 1. Advent heuer auf den 1. Dezember. Er stellt für uns Christen gewissermaßen den Startschuss für die Christmas-Shopping-Saison dar. Nun weiß aber jeder, dass im Landkreis schon lange vorher sogenannte "Weihnachtsmärkte" stattfinden. Und gehören Lebkuchen, Krippen-Ramsch und LED-Christbaum-Deko aus China nicht bereits ab September zum Standardsortiment jeden Discounters? Sorgt in unserem schönen Industriestädtchen ein kombiniertes "Alm-Eis-Event" nicht schon seit Wochen für festliche Weihnachts-Gaudi? Genau wie in Meiningen. Genau wie überall.

Ganz klar: Der Advent ist zu kurz! Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) hätte unbestätigten Meldungen zufolge deshalb jetzt eine Delegation in geheimer Mission nach Rom entsandt, um im Vatikan das Problem zu erörtern. Ziel der Gespräche, die aufgrund ihrer Brisanz angeblich unter das "Beichtgeheimnis" fielen, sei nicht weniger als die Verlängerung der "staden Zeit". Konkret ginge es um eine vierzehntägige Vorverlegung des 1. Advents. Das würde bedeuten, dass der Heilige Abend künftig erst auf den 6. Advent folgt. Die Konsequenz: Zwei verkaufsoffene Sonntage mehr! Der HDE erhoffe sich dadurch eine Umsatzsteigerung von bis zu 50 Prozent. Dem Stadtmarketing Bad Neustadt würde das sicher auch gefallen. Aber hallo!

Aus theologischer Sicht bestünden keine Einwände mehr, sei aus Rom durchgesickert. In der biblischen Weihnachtsgeschichte sei weder von vier, noch von sechs verkaufsoffenen Sonntagen die Rede. Strittig bliebe lediglich das "Quid pro quo", also die Gegenleistung. Denkbar wäre beispielsweise eine Art Umsatzbeteiligung, die Einzelhändler für die Dauer der "Adventszeit+" über die Finanzbehörden an den Vatikan abführen könnten. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hätte in einem Interview geäußert, dass die Vatikanische Finanzinformationsbehörde (FIU) für das Anliegen "größtes Verständnis" zeige, wobei er augenzwinkernd die Geste des Geldzählens angedeutet habe.

Aber offiziell schweigt Rom. Noch! Eines ist jedoch klar: Sollte die Vernunft siegen, werden unsere ultrakonservativen Kulturkritiker umgehend ihr moralinsaures Geheule anstimmen. Von einer "unerträglichen Kommerzialisierung", von "Werteverlust", ja, vom "Untergang des christlichen Abendlandes" wird dann die Rede sein. Alle Jahre wieder!

Eines sollten diese Spaßbremsen aber auch bedenken: Laut einer vom SPIEGEL durchgeführten Umfrage, glauben aktuell gerade noch 55 Prozent aller Deutschen an einen Gott. Und wer glaubt, die Heimat stelle in dieser Hinsicht eine "Insel der Seligen" dar, der irrt gewaltig. Was bleibt für viele Menschen von Weihnachten übrig, wenn man ihnen auch noch den Konsum vergällt? Null! Was sollen sie dann eigentlich feiern?

Und noch ein Umfrageergebnis, das nachdenklich stimmt: Berufstätige Frauen leiden viel häufiger unter Weihnachtsstress als Männer. Würde ein reformierter "Advent 6.0" nicht zumindest den zeitlichen Druck etwas herausnehmen? Lassen wir uns von ein paar Moralaposteln die gute Laune nicht verderben! Orientieren wir uns an modernen Menschen wie beispielsweise Robbie Williams (45). Der britische Alt-Star verriet kürzlich in der Heimatzeitung, dass er sich auf Weihnachtsmärkten von "allem Kommerziellen" begeistern lasse. Er liebe das Friedensfest, gerade weil es dann "von allem viel zu viel" gebe. Man muss sich das vorstellen.