HANDBALL:

Handball-EM: Im Alltag warten die Sorgen

Janis Pavlovics (am Ball) zählte zum Kader der lettischen Nationalmannschaft bei der Handball-Europameisterschaft.

Vieles im Leben ist eine Frage der Perspektive: Während sich die deutschen Handballer für ihre Leistung beim 28:27 (16:11) in Trondheim gegen Lettland harsche Kritik gefallen lassen mussten, war die Gemütslage beim krassen Außenseiter eine ganz andere. „Wir haben gegen Deutschland unser bestes Spiel bei dieser Europameisterschaft gemacht“, sagt Janis Pavlovics. „Vielleicht war es sogar die stärkste Leistung, die eine lettische Nationalmannschaft jemals gezeigt hat.“ Woran das lag? „Die Deutschen standen unter Druck, wir nicht. Wir haben dieses Spiel einfach genossen“, vermutet Pavlovics.

Gegen Deutschland 60 Minuten auf der Bank

Der 35-Jährige, von 2010 bis 2012 für den HSC Bad Neustadt auf Rechtsaußen am Ball, konnte außer moralischer Unterstützung von der Bank aus freilich wenig beitragen zum Beinahe-Coup gegen Deutschland. Trainer Armands Uscins verzichtete im Gegensatz zu den Spielen gegen Spanien (22:33) und die Niederlande (24:32) diesmal komplett auf den erfahrenen Linkshänder. „Ich weiß nicht, warum ich nicht zum Einsatz gekommen bin“, sagt Pavlovics am Tag nach dem Spiel und dem Aus bei den Titelkämpfen im Gespräch mit dieser Redaktion. Ein klein wenig enttäuscht klingt er dabei. Auch wenn er versucht, sich das nicht anmerken zu lassen und ergänzt: „Ich hätte natürlich gerne gespielt und getroffen. Aber wenn es so gut läuft, ist es egal, wer auf dem Feld steht.“

Fortsetzung der Laufbahn im Nationalteam offen

Für die lettischen Handballer war allein die Qualifikation zur Europameisterschaft der größte Erfolg der Verbandsgeschichte. Einer, der im Vorjahr mit der Wahl zur Mannschaft des Jahres belohnt wurde. Wie es für ihn im Nationalteam weitergeht, darüber hat sich Janis Pavlovics noch keine Gedanken gemacht. Im Frühjahr stehen Qualifikationsspiele zur Weltmeisterschaft an. „Mal sehen, ob ich zu ihnen eingeladen werde. Wenn ich gefragt oder gebraucht werde, helfe ich natürlich.“

Vor zwei Jahren wurde bei Sohn Davids Krebs diagnostiziert

Vor zwei Jahren hatte sich im Leben Pavlovics' und seiner Familie schlagartig alles geändert, als bei seinem Sohn Davids Weichteilkrebs diagnostiziert wurde. Eine erste Therapie wurde auch über Spenden finanziert. So kamen im Rahmen eines Spiels zwischen dem HSC Bad Neustadt und dem TV Großwallstadt 1000 Euro zusammen. Die Hälfte davon steuerte Ernst-Rudolf Bauer bei, der einen Handball ersteigerte. Auf ihm hatten einige Spieler der deutschen Weltmeistermannschaft von 1978 unterschrieben.

Die Ärzte in Norwegen machten wenig Hoffnung

Anfang 2019 schien Davids auf dem Weg der Besserung gut vorangekommen zu sein. Nach einem Jahr im Krankenhaus durfte er wieder nach Hause. „Wir waren als Familie wieder vereint“, sagt Pavlovics. Besiegt war der Krebs allerdings noch nicht. Im Juni kam nach einer Untersuchung die Nachricht, „dass der Krebs überall ist. Und die Ärzte in Lettland haben uns wissen lassen, dass sie nicht mehr helfen können“, sagt Pavlovics. Innerhalb einer Woche zogen er, seine Frau Mona und Davids nach Norwegen um. Auch die Ärzte dort machten der Familie wenig Hoffnung. „Sie haben gesagt, dass sie versuchen, Davids zu helfen, die Überlebenschancen allerdings nicht allzu hoch stehen. An einem Freitag im August hat ein Doktor uns eröffnet, dass Davids noch an jenem Wochenende sterben könnte.“

Die Chemotherapie zeigt Wirkung

Aber der Junge kämpfte erfolgreich um sein junges Leben. „Die nächste Untersuchung Mitte September hat die Ärzte überrascht: Die Krebszellen waren fast weg“, erinnert sich Janis Pavlovics. Ein Tumor im Magen, der zwischenzeitlich 10,5 Zentimeter gemessen hatte, ist aktuell nur noch 1,5 Zentimeter groß. Heute geht es dem fünfjährigen Davids „viel besser. Neun von zwölf Chemotherapien sind vorbei und sie zeigen Wirkung“, sagt Janis Pavlovics auf dem Heimweg in den Alltag nach Sandefjord, wo er beim dortigen Zweitligisten unter Vertrag steht. Und wo ihn Mona und Davids sehnlich zurückerwarten.