FUßBALL:

Gedämpfte Aufbruchstimmung in Euerbach/Kützberg

Julian Grell hat mit dem SV Euerbach/Kützberg viel vor.

Fällt der Name Julian Grell, denken Fußballkenner aus der Region unweigerlich an den TSV Aubstadt. Der hochgewachsene Ur-Aubstädter erlebte als Stürmer mit seinem TSV den Aufstieg bis in die Regionalliga. Nun aber betritt der 33-Jährige neue Pfade – als neuer Trainer des Landesligisten SV Euerbach/Kützberg.

Mit Klemmbrett in der Hand und sichtlicher Begeisterung lief Grell während des Auftakttrainings nach der Corona-Pause umtriebig um das Spielfeld, auf dem seine neue Mannschaft das abschließende Trainingsspiel, endlich wieder mit echten Zweikämpfen und Vollkontakt, sichtlich genoss. Neben dem neuen Coach waren auch ein Dutzend neuer Spieler in Euerbach mit von der Partie. Eigentlich müsste unter diesen Umständen das Wort „Aufbruchstimmung“ fallen. Aber 2020 ist alles etwas anders. Auch im bayerischen Amateurfußball.

Anders als fast alle Verbände entschied sich der BFV, die Saison 2019/20 fortzusetzen. Die Runde wird unter Berücksichtigung der bisherigen Ergebnisse zu Ende gespielt. Aus der Saison 2019/20 wird die Saison 2019/20/21. Beim für September anvisierten Re-Start werden die Kader der Teams jedoch mitunter nicht mehr viel mit denen vom Saisonstart im Sommer 2019 gemein haben. Und darin liegt derzeit die Krux. „Der BFV wälzt die Probleme auf die Vereine ab“, findet Euerbachs Vorstand Jürgen Hartmann am Rande des Auftakttrainings.

Zwar sind grundsätzlich Spielerwechsel in diesem Sommer erlaubt, erfordern allerdings die Genehmigung des abgebenden Vereins. Und das sorgt derzeit für dicke Luft zwischen den Vereinen in der Region. „Wir wurden mehr oder weniger für unsere gute Arbeit bestraft“, meint Ulli Baumann, sportliche Leiter und bis zum Abbruch im März Trainer des Klubs. Schon im Februar schloss der Landesliga-11. seine Kaderplanungen für die Saison 2020/21 ab. Involviert darin war auch der neue Coach, der dafür „viele Gespräche“ führte und am Ende eine beachtliche Mannschaft zusammenstellte.

Doch dann kam Corona und wirbelte die Planungen von Grell & Co. gehörig durcheinander. Vier Neue werden nicht oder erstmal nicht im Trikot des SV Euerbach/Kützberg auflaufen. Der Vertrag von Ulrich Scheidel, einem Ex-Aubstädter Weggefährten Grells, wurde annulliert, nachdem dessen aktueller Verein, Landesligarivale TSV Unterpleichfeld, die Freigabe verweigerte. Der Mittelfeldspieler wird weiter für Unterpleichfeld kicken.

Ebenfalls keine Einigung konnte mit Bayernligist TSV Abtswind getroffen werden, von dem mit Markus Thomann, Christopher Lehmann und Max Hillenbrand gleich ein ganzes Trio in Richtung Euerbach und Kützberg abwandern möchte. „Um Ablösen ging es dabei nicht“, versichert Baumann, der berichtet, dass die Abtswinder Verantwortlichen sich in keinster Weise gesprächsbereit zeigten. Die Leidtragenden sind dabei letztlich vor allem die Spieler. In Abtswind war für sie offenbar die Tür zu. Das Trio wird jetzt sechs Monate pausieren, anschließend ist den Regularien nach ein Wechsel ohne Zustimmung des letzten Vereins möglich.

Die Anschuldigung der Konkurrenz, dass die SV-Verantwortlichen Spieler dazu ermutigt hätten, ein halbes Jahr zu pausieren, um wechseln zu können, weißt Vorstand Hartmann entschieden zurück. Auf dem Trainingsplatz war das „gesperrte“ Trio trotzdem schon dabei. „Ich hätte mir gewünscht, dass jeder weiter Fußball spielen kann. Dass die jetzt bei uns sind, damit ist eigentlich keinem geholfen“, findet Grell.

Spielen dürfen dagegen die sieben weiteren Neuzugänge, bei denen die Wechsel reibungslos über die Bühne gingen. Von der U19 des 1. FC Schweinfurt 05 kommen mit Nicolas Reinhart, Luca Knöll, Felix Wehner, Luis Wirth und Tim Stühler gleich fünf vielversprechende Talente. Mit zum neuen Verein nahm Coach Grell das Aubstädter Duo Jannik Binder und Christoph Schmidt, Vincent Waigand und der 18-jährige Torwart Lenny Barth kommen vom TSV Großbardorf.

Den zwölf Neuen, wovon 2020 aber nur neun spielberechtigt sein werden, stehen zehn Abgänge gegenüber. „Wir haben keine Probleme gemacht“, versichert Baumann. Alle Abwanderungswilligen erhielten die Freigabe. Für drei Akteure kassierte der Klub dabei eine Ausbildungsentschädigung. Routinier Florian Popa hat seine Fußballschuhe mit 37 Jahren recht still an den Nagel gehängt.

Unbeeindruckt von der Gemengelage zwischen den Klubs zeigt sich Julian Grell, der derzeit an seiner DFB-Jugend-Elite-Lizenz arbeitet und seine erste Trainerstation als „große Chance“ sieht. „Wir haben eine sehr gute Mannschaft und große Qualität hinzubekommen. Wir wollen angreifen. Aber eine Mannschaft muss sich immer erst finden. So etwas braucht seine Zeit“, erzählt Grell. Auch wenn es ihm nicht über die Lippen kommt, wird die neue/alte Saison wohl ein Übergangsjahr für den SV Euerbach/Kützberg.

„Klar hätte ich es lieber gehabt, dass es bei Null losgeht“, gibt er zu. Nach oben braucht seine Elf dem Tabellenbild nach nicht zu blicken, für Unten ist die neuformierte Truppe mutmaßlich zu stark. „Wir wollen attraktiven Fußball spielen und vom negativen Ansehen, das der Verein nach außen hin die letzten Jahre hatte, etwas wegkommen“, sagt Grell. Mit einem Sympathieträger und Arbeiter wie Julian Grell könnte das gelingen. Trotz gedämpfter Aufbruchstimmung.