BAD NEUSTADT

Auf einen Grappa mit Ray Wilson

Ray Wilson
Gehört zu den ganz Großen seiner Zunft. Der schottische Rocksänger Ray Wilson.

Es waren nur ein paar wenige Jahre, die Ray Wilson mit den Rocklegenden Mike Rutherford und Tony Banks von Genesis unterwegs war. Aber sie haben den bis dato nur einem kleinen Kreis von Rockfans bekannten schottischen Sänger zu einer Legende gemacht. Jetzt war Ray Wilson zum ersten Mal in Bad Neustadt zu Gast. Mitgebracht hatte er eine kleine, aber wirkungsvolle Band. Gemeinsam sorgten sie für Jubelstürme in der Stadthalle.

Der neuen Stadthalle sei es herzlich gedankt, dass solche Größen wie Ray Wilson Station in der Kreisstadt machen. Ray Wilson ist einer der ganz großen Namen in der Rockgeschichte. Ab 1996 (nach Phil Collins) war er Sänger der Rockgruppe Genesis, einer der erfolgreichsten ihrer Art auf der ganzen Welt. Klar also, was Wilson mitgebracht hatte: Jede Menge Songs von Genesis. Aber beileibe nicht nur.

Das Publikum in der Stadthalle – zumeist im, na, sagen wir mal, fortgeschritteneren Alter mit grauen Schläfen. Ein wissendes Publikum zumeist. „Ui, da kommt er!“, entfährt es meinem Sitznachbarn als Ray Wilson die Bühne betritt. Der Herr kann jedes Lied auswendig, klopft den Takt auf den Oberschenkeln mit, gibt die Einsätze für den Drummer und sitzt kerzengerade gespannt auf seinem Stuhl als hätte er einen Stock verschluckt.

„1974“ sagt er mit nickendem Kopf als Ray Wilson „The Carpet Crawlers“ intoniert, einer der bekanntesten Songs von Genesis. Natürlich, aus dem Doppelalbum „The Lamb Lies Down on Broadway“, damals noch mit Phil Collins, Peter Gabriel und und und. Die großen Zeiten der damals noch recht jungen Band. Ray Wilson zelebriert diese Songs. Ganz ruhig mit der Gitarre, E- oder akustisch, in den Händen, am Mikrophon. Seine Band sorgt für das Klangfundament mit Bass (auch Sax und Flöte), Keys, Geige (!) und Drumset. Ohne letzteres geht es bei Genesis ja nun wirklich nicht. Wuchtiger wird es in den Spätwerken der Gruppe wie „No son of mine“, „That's all“ oder „Invisible Touch“. Allesamt wunderbare Ausflüge und Erinnerungen an die guten, alten Genesis-Zeiten.

Doch natürlich gibt es auch den Songpoeten Ray Wilson, der bei jeder Gelegenheit zu komponieren weiß. Zum Beispiel, wenn er mit seiner eigenen kleinen Band den nächsten Flieger um stattliche 12 Stunden verpasst hat. Oder, ausgerechnet in Abstinenzzeiten, er in der Toskana einen herrlichen Grappa angeboten bekommt und diesen selbstredend nicht ausschlagen kann. Aus solchen Szenen Songs voller Tiefe und Magie zu schreiben ist große Kunst. Und die beherrscht Ray Wilson in Vollendung. Das Publikum jubelt, das Publikum klatscht sich die Finger wund. Ein eindrucksvolles wie großes Konzert. Hoffentlich kommt er wieder mal nach Bad Neustadt.