Bad Neustadt

Glosse: Wahlkrampf

In der Heimat ist die Welt noch in Ordnung. Deshalb sind unsere Granden auch stets darum bemüht, im Wahlkampf das Bild einer kleinen, heilen Welt zu vermitteln. Nehmen Sie die diesjährige "Sternsinger-Kampagne", an der auch unser Landrat mitwirkte. Natürlich wäre es unfair, die Aktion als bloßen Wahlkampf-Gag abzutun. Aber komisch ist das schon: Nie zuvor war ein leibhaftiger Landrat im Gefolge der Heiligen Drei Könige durch die Wirtshäuser gezogen, wie es bei uns der Brauch ist. Aber kaum stehen Kommunalwahlen an passiert genau das. Man schreckt offenbar vor nichts mehr zurück.

Aus gutem Grund! Wenn auch die Ureinwohner nicht mehr zu den Frömmsten zählen: Auf Folklore stehen sie noch. Sie schafft Orientierung. Es lohnt deshalb, die subtilen Botschaften des Events genauer zu analysieren. Zunächst fällt auf, dass der Landrat selbst gar nicht als König auftrat. Oh je! Er durfte "nur" den Stern tragen, fungierte gewissermaßen als Hilfskraft. Aber eben nur auf den ersten Blick. Denn wer gab denn "seinerzeit" die Richtung vor? Wer? Der Stern.

Na also. Genau wie der Landrat. Ohne ihn wären die Drei Könige - heilig hin oder her - doch nur orientierungslos durch die Welt geirrt. Aber hallo. Und mal ehrlich: Monarchisches Gehabe passt doch so gar nicht zu unserem Landrat. Jeder weiß das. Schließlich wird er ja demokratisch gewählt. Das gilt zwar auch für Georg Seiffert alias Balthasar, aber ein "Böschemer" Bürgermeister ist eben kein Landrat. Und bei den "niederen Chargen" schaut doch sowieso keiner genau hin.

Was allerdings sogar Wähler mit mehr als zwei Maß Kreuzbergbier im Bauch sofort bemerkt haben dürften: Weder Landrat noch Bürgermeister trugen schwarzes Make-Up. Warum scheuten sie diese Form des "Black-Outings"? Sind beide nicht bekennende "Schwarze" bzw. "schwarzes Urgestein"? Wahrscheinlich wurden sie sich bloß nicht einig, wer von ihnen denn nun der "Schwärzere" sei und überließen deshalb Georg Kirchner die Rolle des dunkelhäutigen Königs Kaspar.

Symbolträchtig auch die Farbwahl bei der Verkleidung: Thomas Habermann trat im grünen, Georg Seiffert im roten Kostümchen auf, obwohl ein Balthasar ja traditionell in blau daherkommt. Ein politisches Statement? Schon beim Neujahrsempfang gab die grün-schwarze Krawatte des Landrats Anlass zu wilden Spekulationen. Ganz klar: Blau ist für amtierende Granden zum politischen "No-Go" verkommen. 7,6 Prozent der Landkreisbewohner assoziieren mit Blau nur noch die AfD. Wahlkampf in der Rhön: Feine Nuancen statt plumper Parolen!

Aus diesem Grund wurde Gerüchten zufolge wohl auch ein etwas zu eindeutiger Lied-Vers wieder verworfen, den die Drei Könige in den heimatlichen Kneipen ursprünglich zum Besten geben wollten: "Macht Kreuzlich an die rechte Stell', erspart uns so die grüne Höll'! Wählt schwarz, und alles bleibt wie's war - Kaspar, Melchior, Waldemar!". Wie gesagt: Gerüchte.

Genau wie jener bizarre Umbenennungsboom. Bekanntlich wurde Bischofsheim ja ein wundersames Wahlgeschenk zuteil: Es darf sich jetzt "Bischofsheim in der Rhön" nennen. Seither blühe das Städtchen förmlich auf. Kein Wunder, dass sich jetzt auch die Bürger von Sulzdorf an der Lederhecke an ihren Landrat gewandt hätten. Auch dort komme es immer wieder zu tragischen Irrtümern, behaupten sie.

Hunderte von Touristen erkundigten sich alljährlich nach der "Lederhecke", jenem Wildbach, an dem das idyllische Dorf angeblich liegen soll und auf dem sie mit ihren Plastik-Bötchen zum nahen Reutsee paddeln wollten. Fehlt nur noch, dass man auch in unserem schönen Industriestädtchen auf dumme Gedanken kommt. Von wegen "in der Saale". Man muss sich das vorstellen.